Welcome to Tasiilaq

Nur das Knirschen der Kufen und das Hecheln der Hunde dringt in mein Bewußtsein. Der Wind trägt meine Gedanken in das weite weiße Land.

Winter in Ostgrönland

Der rostrote Airgreenlandhubschauber schlägt seine riesigen Rotorblätter trotzig in die arktische Winterluft. Das mechanische Pfeifen und Surren im Inneren der Maschine ist so ohrenbetäubend, daß ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehe. Simultan mit dem Lärm nehmen auch die Vibrationen im Inneren des Fluggerätes zu. Alles wackelt, scheppert und dröhnt.

Bockig wie ein Rodeopferd kämpft sich die amerikanische Bell 242 über das offene Meer. Eingeklemmt zwischen dem Fluggepäck der anderen Passagiere, überlege ich, ob das Verb „reiten“ die holprige Fortbewegung in der Luft nicht besser beschreiben würde.

Nichts desto trotz versuche ich meine neugierige Nase an das feucht angelaufene Kabinenfenster zu quetschen. Unendliche Weiten, unterbrochen vom Anthrazit der zerklüfteten Gebirgsketten. Der graue Himmel geht nahtlos in das Weiß der Erde über. Der Horizont verschwimmt. Ein erstes perfektes schwarz/weiß Bild entsteht in meinem Kopf.

Beste Medizin

Es ist kurz vor Ostern, und während in meinem Garten zu Hause die ersten Krokusse ihre Köpfe durch die Erde stecken, wachsen hier in Ostgrönland die Schneewehen in den Himmel. Falls hier am Heliport Blumen wachsen sollten, haben sie noch einen langen Weg vor sich.

Meine Freundin Marion hat mich mit meiner Kamera zu sich nach Tasiilaq eingeladen. Als CEO vom Verein „Robin Hood“ entwickelt sie mit der indigenen Bevölkerung vor Ort regionale Tierschutzprojekte, und kümmert sich nicht nur um die medizinische Belange der Tiere.

Ihr Improvisationstalent und Engagement eröffnet den Menschen auch alternative Perspektiven im aufkeimenden Tourismus. Nach dem Motto „help yourself“, sammelt sie für ihre Projekte weltweit Spenden und kann somit rasch und unbürokratisch agieren.

Schutz vor den Elementen

Früh am nächsten Morgen brechen wir auf. Mein Atem kondensiert in der kalten Luft zu kleinen Wölckchen. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die Landschaft in warmes, weiches Licht. Meine Beine kämpfen sich Meter für Meter durch hüfthohen, weichen Pulverschnee. Erste Schweißtropfen sammeln sich unter meiner Skimütze. Das Dorf haben wir längst hinter uns gelassen, als Marion abrupt stehen bleibt.

Vor uns erstreckt sich ein kleines Seitental mit hunderten von Schlittenhunden. Die scheinbar willkürlich verteilten, weiß gestrichenen Hundehütten wirken wie Kokosstreusel auf einem riesigen Kuchen. Um den Tieren Schutz vor den Elementen zu ermöglichen, baut Marion mit den einheimischen Jugendlichen in einem ihrer Projekte diese kleinen Hütten aus Holz.

Freudig werden wir von Egon, unserem Guide, erwartet. Er ist an die dreißig und einer der bekanntesten Schlittenhundeführer in Ostgrönland. Seine schwarzen Augen leuchten vor Freude als er uns seine Hunde vorstellt. Auf die Frage was ihn hier in dieser einsamen Gegend hält, meint er trocken: „nature calms me“.

Tierische Antriebskraft

Immer wieder hält er inne, und streicht seiner Leithündin durchs Fell. Endlich sind alle Tiere angeleint. Die Meute ist kaum noch zu halten. „Hurry, hurry“, ruft Egon energisch, und stemmt sich dabei mit seinem kräftigen Körper auf den Stahlanker, der dem Hundeschlitten als Bremse dient. Im selben Moment, als ich auf den Schlitten springe, löst Egon den Anker und wir schießen explosionsartig nach vorne.

Meine Hände suchen verkrampft nach Halt. Schneekristalle spritzen mir ins Gesicht. Wie wild springt der Holzschlitten mit seiner Last über die pickelharte Piste. Unglaublich wieviel Energie man aus vierzehn kräftigen Hunden abrufen kann, und das nahezu abgasfrei. Eine nachhaltige Antriebsform mit Kuschelfaktor. Insgeheim überlege ich mir schon meinen Beruf zu wechseln.

Ähnlich der Landschaft, gleitet die Zeit an uns vorbei. Konzentriert auf das wesentliche, stellt sich eine innere Ruhe ein. Fast meditativ. Nur das Knirschen der Kufen und das Hecheln der Hunde dringt in mein Bewusstsein.

Ruhe im Mondschein

Lange Schatten begleiten uns zurück ins Basecamp. Kälte dringt in meine müden Knochen. Bevor sich die Hunde in ihre weißen Hundehütten verkriechen, verzerren sie noch gierig ihr Abendmahl. So langsam wie sich das fahle Mondlicht über das Tal ausbreitet, ziehen auch wir uns in unsere Unterkünfte zurück.

Wohlig warm empfängt mich mein Schlafsack in der Hütte. Wie ein gefällter Baum liege ich regungslos am Rücken. So intensiv sind die Eindrücke, dass mir, trotz des narkotisierenden Geruchs meiner feuchten Schafwollunterwäsche, meine Augen nicht zufallen wollen. Lange betrachte ich noch die funkelnden Sterne durch das milchige Fensterglas, bis schlußendlich die letzte Zelle in meinem Körper zu Ruhe kommt.

Das rauhe Klima so weit im Norden verlangt einem viel ab. Hundeschlitten sind in Grönland deswegen nach wie vor ein bewährtes Transportmittel. Der   Tierschutzverein ROBIN HOOD engagiert sich in Ostgrönland gemeinsam mit den einheimischen Inuit um die Lebensbedingungen der Schlittenhunde zu verbessern.

Veröffentlicht wurde dieser Beitrag im Magazin   NORR. Die schönsten Seiten Skandinaviens , und in   Bergauf. Dem Magazin des österreichischen Alpenvereins.