Freiheit im Fjäll

Das Geheimnis ungewöhnlicher Nähe besteh darin, sich die Zeit zu nehmen die es braucht, um die Zeit anzuhalten.

Zutaten zum Glück

In die Landschaft eintauchen, als würde man seinen Kopf unter Wasser tauchen. Überrascht von der Stille, bestimmt der pochende Puls im Ohr über Rhythmus und Tempo. Selbstbestimmt und nachhaltig streifen wir seit Wochen durch einsame Landstriche ober- und unterhalb der Baumgrenze und nehmen uns die Zeit die es braucht um sich frei zu machen von allen Erwartungen und dem Gefühl, bestimmte Dinge haben zu wollen. Wie "Hans im Glück", der nichts besitzt, aber trotzdem der glücklichste Mensch auf Erden ist.

Blutrünstige Viecher

Schulter an Schulter liegen Jakob, Ina und ich mit unseren bunten Fahrrädern im Schatten einer kleinen silbrigen Birke. Während mein vierjähriger Sohn gierig von der mitgebrachten Wasserflasche saugt, wische ich ihm mit einem schmierigen Taschentuch eine Mischung aus Schweiß und Mückenresten von der Stirn. Er grinst schelmisch, als ich ihm erkläre das unsere rasante Fahrweise den blutrünstigen Viechern zum Verhängnis wurde. Ein kleiner emotionaler Sieg in dem sonst so unfairen Spiel gegen diese Plagegeister.

Wenn diese fliegende Proteinquelle nicht so klein wäre, könnte man über eine kulinarische Verwertung nachdenken. Gerade eben habe ich mich noch über die Fantasielosigkeit bei der Zusammenstellung unserer Jause geärgert, schmeckt mir mein trockenes Jausenbrot bei dieser Überlegung aber plötzlich doch wieder.

Fanggarantie

Bewaffnet mit meiner Fliegenrute in der einen, und der Wanderkarte in der anderen Hand, versuche ich die Flußstelle zu finden, von der uns Sven von der Fjällstation so begeistert vorgeschwärmt hat. Es sei ein Insidertipp, schwer zu erreichen, aber dafür mit Fanggarantie.

Anschaulich demonstrierte er die Größe der Regenbogenforellen. Vierzig Zentimeter seien keine Seltenheit. Er hätte auch schon größerer gefangen. Sein sympathische Lächeln lies nur wenig Raum für Zweifel. Nur das Wort Garantie wollte nicht in mein Bild von Wildnis passen.

Hand in Hand

Frisch gestärkt bahnen wir uns behutsam einen Weg durch dichtes Unterholz. Schon nach wenigen Metern kleben mir erste Spinnweben im Gesicht und rauben mir die Sicht, als sich unerwartet die Umrisse eines Elches vor uns abzeichnen. Aufgeschreckt durch unsere Anwesenheit starrt er unbeeindruckt über seine linke Schulter in unserer Richtung.

Als würde er über etwas Grundlegendes nachdenken, verbleibt er reglos in seiner Stellung. Sekunden verrinnen und nichts passiert. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Und als hätte er urplötzlich eine Antwort auf seine Grübelei gefunden, trottet er gemächlich in die entgegengesetzte Richtung davon.

Beeindruckt von der Situation gehen wir die letzten Meter schweigend Hand an Hand. Je näher wir dem Wasser kommen, desto lichter wird der Wald. Die letzten Meter rutschen wir am Hosenboden über eine Böschung und landen mit unseren Gummistiefeln in einem überdimensionalen Mikadospiel.

Chaotisch verstreut türmt sich altes Schwemmholz in der sandigen Bucht. Verstreut, zwischen den silbrigen Baumstämmen finden wir riesige Abdrücke im Schlamm, sicher von einem Elch. Ein riesiger Abenteuerspielplatz. Flugs packe ich meine Angelsachen aus und baue die Rute zusammen, welches Fliegenimitat könnte den heimischen Fischen wohl schmecken?

Jakob ist immer ganz aus dem Häuschen, wenn ich die kleine Aluminiumbox mit den Fliegen aufmache. Die bunten Köder sollen die natürlichen Beutetiere der Fische imitieren, teilweise mit Federn bestückt oder mit goldenen Köpfen versehen schauen sie wie echte Insekten aus. Genau so sehen es die Forelle dann hoffentlich auch.

Meditation

Die monotonen Abläufe passieren automatisch und machen daraus eine Art Meditation.Einatmen, ausatmen,…. einholen, auswerfen. Meine Gedanken verlieren sich im Nirgendwo, als sich die Fliegenschnur schlagartig spannt. Erschrocken versuche ich dagegenzuhalten und verliere dabei kurz das Gleichgewicht.

Ruckartig reiße ich die Rute in die Höhe um nicht ins Wasser zu fallen und fördere dabei ein Stück Treibholz zutage. Auch meine nächsten Versuche bleiben erfolglos. Fanggarantie hin oder her.

Freundschaft und Familie

Trotz der Müdigkeit treten wir gut gelaunt den Heimweg an. Die Luft ist warm und verbreitet den Duft von Sommer und Abenteuer. Während sich Jakob mit seinem Lieblingsbuch in seine Schlafkoje zurückzieht knistern bereits die ersten Holzscheite am Feuerplatz. Schwerelos streifen unsere Blicke über den Himmel. Ähnlich meinen Gedanken im Kopf verändern sich die Wolken in unvorhersehbare Richtungen.

In einer Zeit, wo vieles über messbare Leistungen und Effizienzsteigerung definiert ist, und unser Alltag zunehmend in konstruierten, digitalen Abläufen passiert, kommt in mir immer mehr der Drang sich mit der Natur zu verbinden und nach Draußen zu gehen, mit Menschen, die einem viel bedeuten und diese Leidenschaft verstehen.

Dabei ist es nicht das Ziel, sich mit anderen zu messen oder besser zu sein. Es geht um Freundschaft, Familie, Motivation, um die Natur, das Meistern von Herausforderungen und gemeinsam Zeit zu verbringen.

Immer wieder versuchen wir als Familie aus der Routine auszubrechen um uns neu zu entdecken. Die Natur bietet dafür einen wunderbaren Humus.