Meerblick

Sandstrand in Schweden

Fotograf Günter Valda und seine Frau Ina machen sich auf nach Schweden. Dabei besuchen sie Gotland und entdecken auf der Insel Fårö die Heimat Ingmar Bergmanns - und ein ganz spezielles Café.

Im Norden Gotlands

Nach einer guten Stunde Fahrtzeit spuckt uns der öffentliche Autobus im Norden Gotlands aus. Müde und gut durchgeschüttelt finden wir uns in der einsamen Gesellschaft eines Haltetellenzeichens an einer Straßenkreuzung wieder. Um uns nur Landschaft, golden im Abendlicht der untergehenden Sonne. Nur Landschaft, kein Hinweis auf unsere Unterkunft, willkommen im Niemandsland, willkommen in Bunge.

Reisen mit öffentlichen Verkehrsmittel bietet Raum für Abenteuer, nicht zu vergleichen mit den starren und immer gleichen Szenarien im Dschungel der Großstadt, ist das Reisen damit hier eine Reise welche die Phantasie anregt. Wie komme ich wann von A nach B, Routen in Landschaften welche sich im Wandel der Jahreszeiten immer wieder ändern. Fahrpläne wälzen und Fahrten planen, für dieses Abenteuer ein Abenteuer für sich.

Nach einem kurzen Fußmarsch finden wir endlich unsere Herberge, eine ehemalige Militärbaracke dient uns für die nächsten Tage als Unterkunft. Duschen, schlafen, kochen, mehr Ansprüche haben wir nicht. Wir befinden uns unweit des Fårösund auf Gotland. Mit einer kleinen Fähre kann man von hier unkompliziert in fünf Minuten auf die Insel Fårö übersetzen.

Rotes Holzhaus
Wald und Meer in Schweden

Ingmar Bergmann

Bekannt ist die knapp 20 mal 8 Kilometer kleine Insel vor der schwedischen Ostküste als Heimat des schwedischen Regisseur Ingmar Bergman. Eine leichte Sommerbrise mit dem Geruch von Kiefernadeln und der Frische von Meerwasser umweht uns, begleitet uns als wir mit unseren Leihrädern eine Anhöhe hochstrampeln. Die Eindrücke der Landschaft strömen auf uns ein, fast unwirklich erscheint uns die Szenerie. Scheinbar menschenleer, Schafe auf kargen Weiden zwischen Kieferwäldern, ab und zu ein Steinhaus und wir, im Augenwinkel hinter uns der Küstenstreifen.

Mit dem Fahrrad am Strand

Bob Dylan und Pancakes

Auf dem Weg nach Norden verpassen wir eine Abzweigung und rollen plötzlich verloren an einem Schrottplatz vorbei. Erst bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser als ein Café. Zwischen rostigen Haufen aus altem Eisenschrott warten ein paar Tische auf Gäste. Eine Jukebox in der Ecke spielt einen Song aus den 70ern nach dem anderen, während wir tiefschwarzen Kaffee und heiße, noch dampfende Pancakes mit frischen Erdbeeren vor uns am Tisch stehen haben. Unwirklich, eine Zeitreise scheint es, um uns die Landschaft, die Überbleibsel von Autos als unsere einzige Gesellschaft.

Wir vergessen die Zeit, die Stimmung wird träge, während im Hintergrund leise Bob Dylan von „Lay Lady Lay“ singt, verabschieden wir uns und schwingen uns erneut in die Sättel unserer Metallpferde.

Cafe Kutens Bensin
Oltimer Armaturen
Oltimer auf Fårö
Schrottplatz auf Fårö

Der Riese und das Weib

Das Naturreservat Langhammarshammeren liegt ganz im Norden der Insel. Natürliche Kalkskulpturen, sogenannte Rauken, ragen aus dem Meer. Wie versteinerte Riesen aus der Sagenwelt, Risin und Kellingin (der Riese und das Weib), im Meer. Über die ganze Westküste verteilt, groß und mächtig, klein und fast unscheinbar, wie zufällig hingeworfen scheint es als würden sie die Insel von den Einflüssen von draußen und des Meeres beschützen.

Wir haben uns spontan für diese Route entschieden, auf unserem Weg liegt das alte aufgelassene Fischerdorf Helgumanen. Fischerhütten die den Kampf gegen die Witterung noch nicht aufgegeben haben, verlassene Boote am Strand, und alte steinerne Slipanlagen, stille Zeugen aus einer längst vergangenen Zeit als Fischfang hier die Menschen ernährte.

Ohne Uhr und Smartphones zeigt uns nur die langsam verschwindende Sonne das der Tag sich dem Ende zuneigt. Die vom Wind zerzauste Landschaft wird in ein flaches Licht getaucht, unsere Körper werden zu langen Schatten welche still durch die Landschaft rollen. Wir sind müde, in Gedanken versunken bringen wir die letzten Kilometer zu unserer Unterkunft hinter uns. Wir stellen unsere Räder ab, schweigen noch immer, berauscht von den Eindrücken des heutigen Tages.

Ein leichtes Flackern der Flamme des Gasherdes und der Duft von Kaffee der in der Espressokanne vor sich hin blubbert und von gebratenen Eiern durchzieht die verstaubte Baracke. Wir genießen, sitzen verträumt in der Gemeinschaftsküche, alleine. Die Hauptsaion vorbei, wir sind die einzigen Gäste. Fuchs und Hase sagen hier einander ungestört Gute Nacht.

Rauken auf Fårö
Sandstrand mit Badewetter

Von der Außenwelt abgeschnitten

Am nächsten Morgen verspricht uns der anbrechende Tag bestes spätsommerliches Wetter. Wir beschließen die Gegend rund um den Leuchtturm im Nordosten der Insel zu erkunden. Schnell noch ein paar belegte Brote als Wegzehrung und nach kurzem Beraten auch die Badesachen eingepackt, ein neuer Tag wartet auf uns. Mit den Rädern zweigen wir bald von der Hauptstraße ab und nehmen den Küstenweg. Wir fahren durch kleine Dörfer, sie wirken leer und verlassen, vereinzelt arbeitet jemand auf den Feldern. Kleine Motorboote schaukeln festgebunden an den Holzstegen. Wieder diese Ruhe die diese Insel so prägt, Hektik und Lärm suche ich hier vergeblich.

Es kommt mir so vor als hätte ich mit dem Betreten der Insel einen imaginären Stecker gezogen. Unplugged sozusagen, von der Außenwelt abgeschnitten. Man kann und will nichts dagegen machen, auch unser Tempo passt sich automatisch diesem Rhythmus, dieser Stille an.

Die Suche nach dem Leuchtturm gestaltet sich etwas schwierig, da er sich nicht so riesig gibt wie ich ihn mir vorgestellt habe. Dichter Kiefernwald umhüllt ihn. Vom Land aus nur mit Instinkt und etwas Glück zu finden. Umso schöner der Anblick als wir davor stehen. Ein riesiger, scheinbar endloser Sandstrand breitet sich vor uns aus, nichts behindert den Blick zum Horizont.

Vor mir nur die blaue Ostsee. Nur die See, nichts, kein Schiff am Horizont, außer dem Leuchtturm hinter mir kein Zeichen das Menschen hier waren. Zwischen den Dünen legen wir unsere Strandtücher aus und machen es uns gemütlich. Keine einzige Wolke am Himmel. Eine leichte Brise vom Meer macht die sommerlichen Temperaturen erträglicher. Irgendwann ist es mir dann aber doch zu heiß. Die See lockt mich, ruft mich, noch im Laufen reiße ich mir die Kleider vom Leib und genieße dabei die Einsamkeit die mich umgibt. Das Wasser ist kalt, kälter als gedacht, die Kälte trifft mich wie einen Schock. Meine Füße finden keinen Halt auf den nassen Steinplatten. Ungeschickt schlittere ich ins Meer. Mit wenigen Schwimmbewegungen bin ich im Tiefen und genieße Wasser und Kälte auf meiner Haut. Mein ganzer Körper prickelt.

Kiefer am Strand
Bootssteg mit Boot

Lange Schatten

Ein Gefühl der Unbeschwertheit macht sich breit, es erinnert mich an meine Kindheit. Ungehemmt und wild. Ich fühle mich frei. Am Weg nach Hause sind unsere langen Schatten wieder unsere einzigen Begleiter, die Zeit messen wir am Sonnstand, Distanzen werden mit Muskelkraft gleichgesetzt. Einfachheit als Mittel zu sich selbst. Angekommen, mein Körper und Geist sind entspannt, ich verliere mich in der Stille, verliere mich in der Schönheit der Landschaft. Nach zwei Tagen hat mich die Insel in ihren Bann gezogen, hat mich gefangen.

Die folgenden Tage verlaufen nicht anders. Wir radeln zu einem verfallenen Wikingerhafen, versuchen uns im Fischen und schlagen irgendwie die Zeit tot. Das Wetter bleibt spätsommerlich schön, die Insel präsentiert sich im besten Sonntagskleid. Ina und ich genießen die Auszeit vom Alltag.

Früh am Morgen stehen wir mit unseren Rucksäcken wieder an derselben Haltestelle wie einige Tage zuvor. Die Zeit scheint im Eiltempo vergangen, aber auch gleichzeitig stillgestanden zu sein. Zischend schließen sich die Türen des Autobusses hinter uns. Zwischen Schülern und Pensionisten suchen wir uns einen Sitzplatz, es ist laut, zu laut für meine von der Stille verwöhnten Sinne. Ich sinke auf meinen Sitz, begleitet von dem Gemurmel der Stimmen um mich schlummere ich ein, träume von einer windzerzausten Landschaft und Bob Dylan spielt leise im Wind.

Weidezaun am Meer

Auf der Suche nach einer Destination die man mit dem Fahrrad fernab des Tourismus erkunden kann, fand ich die Heimat des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman auf der Insel Fårö im Norden Gotlands.   Das Cafe Kutens Bensin lädt mit seiner aussergewöhnlichen Umgebung zum Verweilen ein. Veröffentlicht wurde dieser Beitrag erstmals in der Herbstausgabe 2015 in   NORR. Die schönsten Seiten Skandinaviens.