Nordwind

Bergkulisse Lofoten

Zweihundert Kilometer nördlich des Polarkreises erkundet der Fotograf Günter Valda mit Ski, Kajak und Kamera die wilde und einsame Schönheit der Lofoten.

Exponierte Lage

Der stürmische Wind treibt uns den Schnee waagrecht entgegen, fast unwirklich erscheint uns die morgendliche Szenerie. Wir beladen unsere Kajaks, die wie Farbtupfer auf einem Blatt Papier wirken. Kopflos hängen Fischkörper von den typischen Holzgestellen der Fischer, pendeln mit Eiskristallen überzogen im Wind hin und her, wie eine Mahnung hier in dieser rauen Gegend nicht ebenso unvorsichtig zu sein. Die exponierte Lage der Lofoten macht das Wetter schwer kalkulierbar. Wir befinden uns ungefähr 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, und obwohl der Golfstrom das Klima hier erträglicher als am Festland macht, schützt er nicht vor wilden Wetterkapriolen.

Kiosk Reine Lofoten

Ich befestige meine Ski auf dem Kajakdeck und stecke die Skischuhe unter die Spritzdecke. Als ich das Boot langsam in das mit Eisschollen bedeckte Wasser gleiten lasse, wird mir etwas mulmig zumute. Wie hoch wird der Wellengang bei diesem Wetter außerhalb des geschützten Hafens sein? Kopfloses, unüberlegtes Handeln ist hier verboten, jeder falsch überlegte Schritt kann ein Eigentor bedeuten, ein falscher Paddelschlag den Sturz ins eiskalte Wasser.

Paddeln im Kjerkfjord

Langsam bewegen sich die fünf Kajaks aus dem sicheren Hafen, wir paddeln ruhig, noch etwas müde mit steifen Knochen, von dem 300 Einwohner zählenden Dorf Reine in den nördlich gelegenen Kjerkfjord. Das Wissen von frischem Schnee, welcher uns in einem Gelände, das nur vom Wasser aus erreichbar ist, erwartet, treibt uns vorwärts und lässt uns wie berauscht weiterpaddeln.

Kajak Lofoten Norwegen

Unsere bunt zusammengewürfelte Gruppe hat sich hier auf den südlichen Lofoten eher zufällig gefunden. Mathias und ich sind spontan über Ostern für elf Tage via Oslo und Bodö nach Leknes geflogen. Zeitgleich haben das auch Joakim und Per Arne aus Oslo und Kirk aus Kanada gemacht. Uns verbindet nur ein Ziel, die tief verschneiten, unberührten Hänge auf Moskenesoya zu befahren. Klassische Skigebiete mit Liftanlagen, dem ganzen Drumherum sucht man hier vergeblich. Jede Abfahrt will mit den Tourenski erarbeitet werden.

Skitour Lofoten Norwegen

Die Hauptstraßen sind im Winter mehr recht als schlecht vom Schnee befreit, ohne ein geländegängiges Fahrzeug kommt man nicht weit, oder man setzt auf so, für uns ungewöhnliche Transportmittel wie das Seekajak. Der Supermarkt ist hier problemlos mit dem Boot zu erreichen.

Weather can change immediately

Ich lerne langsam das Wetter zu nehmen, wie es ist und vor allem, es ernst zu nehmen. Es ist wirklich unberechenbar, es bedeutet meistens im Schneegestöber loszufahren und wenn man am Gipfel ist, perfekten Sonnenschein zu erleben.

Bergkulisse Lofoten Norwegen

Auch dieses Mal klart es auf, der Schneefall lässt endlich nach und gibt die Sicht auf ein imposantes, überwältigendes Bergpanorama frei. Es ist schon ein überwältigender Anblick, wenn vor einem die Felsen senkrecht einige Hundert Meter direkt aus dem Wasser nach oben drängen und dazwischen jede Menge unbefahrenes Gelände liegt, das nur darauf wartet, erkundet zu werden.

Das Spuren mit den breiten, schweren Ski in dem hüfttiefen Schnee benötigt eigentlich die Lunge von einem Elch, wir keuchen, in der eiskalten Luft dampft unser Atem vor unseren Gesichtern. Kirk, der „Lumberjack“ aus Kanada, der hauptberuflich als Waldarbeiter arbeitet, erfüllt dieses Kriterium am ehesten und übernimmt vorerst diese Aufgabe. Wie ein Schneepflug räumt er den Weg für uns frei. Ich schwitze, das Gehen in dem hohen Schnee ist anstrengend. Unberührte Natur, soweit das Auge reicht, nichts, nur wir mitten drinnen, kleine Punkte in einem weißen Nichts. Mir kommt der Gedanke, dass eine schnelle Rettung in einem Notfall wohl schon aufgrund des schlecht ausgebauten Handynetzes kläglich scheitern würde.

Unberührte Natur

Als mich Per Arne auf drei Seeadler aufmerksam macht, die unweit über unseren Köpfen majestätisch am Himmel kreisen und sich im Aufwind tragen lassen, ist alle Anstrengung vergessen. Der Kabeljau, welcher jedes Jahr die rund 600 Kilometer aus der Barentsee hierher zum Laichen überwindet, findet anscheinend nicht nur in den Bäuchen der unzähligen Fischerboote sein jähes Ende. Der positive Einfluss des Golfstroms macht die Lofoten durch den Fischreichtum auch zum Eldorado für Seeadler, zu einem letzen unberührten Rückzugsort dieser einzigartigen Vögel.

Kvalvika Bucht Norwegen

Für das letzte etwas steilere Stück packen wir unsere Ski auf den Rucksack, so erklimmen wir die letzten Höhenmeter zum Gipfelplateau. Die Sonne hat sich nun mehr und mehr durchgesetzt und zeigt uns ein Panorama, welches mir schlichtweg beim ersten Anblick den Atem verschlägt. Dieser Anblick lässt sich nicht in Worten fassen, er ist unbeschreibbar. Die Vorfreude auf die Abfahrt steigt ins Unermessliche, wird sie mich doch direkt mit dem Blick aufs Meer bis zu den Booten zurückführen. Ich halte mein Gesicht in die Sonne und lasse mich wärmen, ein Energieriegel bringt meinen Zuckerspiegel wieder auf stabiles Niveau, während ich meine Skiausrüstung vorbereite und mich sammle.

Sonnenterrasse

Langsam bereitet sich die Gruppe für die Abfahrt vor und keiner kann sich sichtlich leicht von dieser auf 900 Höhenmeter über dem Meer liegenden Sonnenterrasse lösen. Aufgeregt. wie kleine Kinder vor dem Spielzeugladen stehen wir nebeneinander und schauen in die Tiefe, besprechen noch wo wir entlangfahren wollen und können es nicht erwarten loszupreschen und die ersten Spuren in den Schnee zu legen.

Gipfel Lofoten

Meine Skistöcke bohren sich in den tiefen, Pulverschnee, ich hole tief Atem und stoße mich ab. Der Schnee spritzt zur Seite. Ich konzentriere mich darauf, wohin ich meinen nächsten Schwung setzen werde, während sich die Skikanten knirschend in den Schnee graben. Wir treffen uns am Etappenziel wieder, ein jeder mit einem Grinser im Gesicht und einem Ausblick in den Augen, der von dem Adrenalinstoß erzählt, von den Eindrücken, vom Rausch der Geschwindigkeit. Obwohl es schon später Nachmittag ist, zeigt sich noch niemand wirklich müde. Die Endorphine lassen uns sämtliche Anstrengungen kommentarlos ertragen.

Ski Lofoten
Skifahrer Norwegen
Have a break Lofoten
Backcountry Ski Lofoten

Während unseres Ausfluges hat die Ebbe einen weichen bräunlichen Seegrasteppich freigelegt, welcher uns sehr hilfreich beim Besteigen der Kajaks ist. Lautlos gleitet der rote Plastikrumpf über den weichen Untergrund ins Wasser. Genauso lautlos stechen unsere Paddel ins Wasser, welches sich uns fast spiegelglatt präsentiert. Die sich nun doch langsam breitmachende Müdigkeit lässt unsere Gespräche verebben und so gleiten wir andächtig durch das Wasser, welches durch die Spiegelung der schroffen Felsen einer riesigen Kathedrale gleicht, nichts als Stille rund um uns.

Müde Muskeln

Um diese Jahreszeit reicht das Tageslicht schon wieder bis acht Uhr abends, genug Zeit um bei der Tourenplanung etwaige Umwege einkalkulieren zu können. Die Rückfahrt verläuft planmäßig, doch die ersten, dunklen Anzeichen eines Unwetters am Horizont lassen meine Anspannung und das Schlagtempo noch mal kräftig ansteigen. Mit müden Muskeln docke ich am Holzsteg an. Gegenseitig helfen wir uns aus den Booten und verstauen mit letzter Kraft unser Material in einem roten Holzschuppen.

Ein Lächeln überfliegt die müden Augen meiner neuen Freunde, als ich mit einem Grinser, ein von mir am Morgen verstecktes Sixpack aus einem Schneehaufen ziehe. Wir lachen ausgelassen, veranschaulichen uns gegenseitig gestenreich unsere persönlichen Eindrücke, während die Schneeflocken auf den Bierdosen und unseren Gesichtern schmelzen. Hunger nach mehr macht sich bemerkbar, der sich jedoch durch herkömmliche Nahrungsaufnahme nicht stillen wird lassen. Nur gut das das Abenteuer erst begonnen hat.

Winterkajak Reine Lofoten

Die Inselgruppe der Lofoten bietet eine urgewaltige, wilde Szenerie. Ski und Kajak brachten mich nicht nur in entlegene Winkel, sondern auch den Elementen näher. Sandro von   Reineadventure ist der ideale Partner in dieser ausgesetzten Gegend. Veröffentlicht wurde dieser Beitrag im Magazin   NORR. Die schönsten Seiten Skandinaviens , und in   Bergauf. Dem Magazin des österreichischen Alpenvereins.