Wiederbelebt

Dr. Werner Gruber

Wiederbelebt – unter diesem Titel gibt der Fotograf Günter Valda dem "Leben nach dem (Herz)Tod" ein Gesicht: er fotografiert Überlebende eines Herzstillstandes, denen die mutige Hilfe ihrer Mitmenschen Leben schenkte.

Die Menschen auf den Bildern haben eines gemeinsam, sie erhielten Erste Hilfe durch couragierte Mitmenschen, sie gehören zu jenen 10,7 % Prozent, welche nach einem Herz-Kreislaufstillstand lebend das Krankenhaus verlassen konnten.

 

Bei einem Herz-Kreislaufstillstand ist kein Puls mehr fühlbar, das Herz schlägt nicht mehr. Die Muskeln verlieren ihre Spannung, es folgt der Atemstillstand, innerhalb von Sekunden kommt es aufgrund des Sauerstoffmangels zur Bewusstlosigkeit.

Organe, Muskulatur und Gehirn werden nicht mehr versorgt. Je früher Maßnahmen ergriffen werden, desto höher sind die Überlebenschancen. Wird keine Erste Hilfe geleistet, sinkt die Überlebensrate um 7-10 % pro Minute.

Ich lebe ...

Werner Gruber
Peter Lillie

Werner Gruber

Ich bin eine „sudden-death-survivor“. Das klingt, das kann man sich nicht kaufen, genauso wie Mut, das kann schon was. Erzählen einem andere Menschen von ihren Problemen, der Scheidung, Problemen am Arbeitsplatz oder der Zubereitung des Frühstückeies, dann kann man dies alles relativieren: Tja, darüber habe ich auch schon nachgedacht, aber als ich dann 20 Minuten Tod war…

Der Spruch „Ich lebe dort, wo andere Tod sind“ hat auch was, aber „Lebendig bekommt mich der Tod nicht!“ ist fast noch besser.

Natürlich gibt es verschiedene Formen mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen. Man kann depressiv werden, sich am Abend fragen, ob einem Gevatter Tod in der Nacht besuchen kommt und in der Früh dankbar sein, doch aufzuwachen, man kann aber auch zu leben beginnen, oder genauso weiterleben wie bisher. Wählt man letzteres, dann weiß man, dass man für sich nicht umsonst gelebt hat. Um eine liebgewordene Freundin zu zitieren: „Mit Humor ist man am besten gegen den Tod geschützt“.

Peter Lillie

Ich habe keine eigene Erinnerung an meinen Herzstillstand, der sich 1995 während eines Squashspiels ereignete. Ich wurde von einem couragierten Studenten wiederbelebt, der zufällig im Club war. Danach wurde ich mit einem Hubschrauber ins Wiener Allgemeine Krankenhaus gebracht. Fünf Tage später erwachte ich aus dem künstlichen Tiefschlaf. Ich war völlig desorientiert. Als ich schließlich begriffen hatte, was eigentlich passiert war, begann ich mich zu vergewissern, dass mir besonders wichtige Funktionen, wie meine Sprech- und Lesefähigkeiten, nicht beeinträchtigt waren.

Die Ärzte konnten bestätigen, dass der Herzstillstand keine neurologischen Schäden hinterlassen hatte. Um mich vor ähnlichen Ereignissen in Zukunft zu schützen, implantierte man mir einen Defibrillator. Mein prägendstes Erlebnis während meines Spitalsaufenthaltes war das vom Stellvertretenden Leiter der Notaufnahme Prof. Sterz angeregte Treffen mit meinem Lebensretter.

Bis zum heutigen Tag habe ich Thomas Lorenz 18 Jahre meines Lebens zu verdanken.

Heribert Gruber
Petra Bauer

Heribert Gruber

An den Tag meines Herzinfarktes – ich war damals 50 Jahre alt – kann ich mich nicht mehr erinnern. So aber hat meine Frau die Geschehnisse nachrecherchiert:

Am 18. Dezember 1999, einem Samstag, hatte ich ganz normal gefrühstückt und war am Weg ins Büro – es standen Überstunden an – noch bei der Apotheke vorbeigefahren. Ich kaufte mir „Nerven-Tee“, da ich an diesem Tag innerlich sehr nervös war. Auf der weiteren Autofahrt in die Arbeit dürfte mich dann auf Höhe des Krankenhauses SMZ-Ost am Steuer der Herzinfarkt ereilt haben. Ich weiß es selbst nicht mehr, aber mir wurde gesagt, ich sei mit dem Auto über einen Grünstreifen gefahren und auf die Gegenfahrbahn gekommen. Eine Hecke bremste das Auto.

Gott sei Dank kam der Portier des nebenan gelegenen Geriatriezentrums Stadlau sofort, um Erste Hilfe zu leisten. Seine Wiederbelebungsversuche schlugen jedoch fehl. Zu meinem Glück war im SMZ-Ost ein entsprechend ausgerüstetes Rettungsauto zur Stelle. Ich wurde mehrmals reanimiert und landete mit Vorhofflimmern und einem schweren Hinterwand-Infarkt im Allgemeinen Krankenhaus (AKH). Nach Stabilisierung meines Zustandes wurde ich in Tiefschlaf versetzt und dank der Ärzte im AKH wieder auf den Weg der Genesung geführt. Ich konnte meinen Beruf nach vier Monaten wieder aufnehmen. Seit meinem Herzinfarkt bin ich Nichtraucher.

Petra Bauer

Es war der 5. März 2002, ein Sonntag. Ich wachte in der Früh mit Übelkeit auf und legte mich ins Wohnzimmer auf die Couch. Meine damals 7-jährige Tochter brachte mir ein Glas Wasser und Kreislauftropfen, doch die Übelkeit wurde stärker. Also bat ich sie, meine Eltern und den Notarzt zu alarmieren. Langsam verspürte ich dann auch ein Brennen im Brustbereich und ein Ziehen im linken Arm. Es wurde immer schlimmer. Meine Tochter rief immer wieder „Mama, Mama“ – doch ihre Stimme klang immer weiter entfernt - bis ich sie gar nicht mehr hörte. Dies war für mich der schlimmste Augenblick, da ich ihre Angst spürte und nichts machen konnte. Mein Herz stand plötzlich still.

Kurz darauf – das weiß ich jetzt allerdings nur mehr aus Erzählungen – kamen der Notarzt und gleich- zeitig meine Eltern. Neunmal musste ich defibrilliert werden, bevor mein Herz wieder zu schlagen begann. Mit einem Hubschrauber wurde ich ins AKH geflogen, wo ich nochmals einen Herzstillstand hatte, und wieder reanimiert wurde. Die nächsten vier Tage lag ich in künstlichem Tiefschlaf. Auch wenn ich geschlafen habe, ich kann mich doch an Wörter und Sätze meiner Lieben erinnern – auch an Musik, die mir mein Neffe vorspielte. Als ich aufwachte, wusste ich überhaupt nicht, wo ich war oder was passiert war. Für mich war das alles unwirklich: Nicht möglich, dass mir so etwas passiert war. Unglaublich, dass es möglich ist, einen Herzstillstand zu überleben. Es hat alles toll funktioniert. Wäre aber ein Faktor in der Kette ausgefallen, würde ich heute nicht mehr leben.

Ich bin allen unglaublich dankbar – angefangen von meiner kleinen süßen Tochter, meinen Eltern, meiner Schwester, dem Notarztteam bis hin zu den Ärzten, Krankenschwestern und Mitarbeitern im AKH. Ein Nahtoterlebnis hatte ich nicht. Ich wusste, dass mein Leben noch nicht zu Ende war. Zu viele Aufgaben warten noch auf mich – das Wichtigste ist dabei meine Tochter, die ich noch aufwachsen sehen möchte. Außerdem möchte ich so vielen Menschen wie möglich weitergeben, dass Leben und Gesundheit nicht selbstverständlich sind ...

Franz Kornell
Gottfried Koch

Franz Kornell

Es ist der 28. Juli 2002. Es ist heiß, über 25 Grad schon in der Früh. Knapp nach neun Uhr quäle ich mich aus dem Bett. Meine Irgendwie fühle ich mich sehr matt und mir ist schlecht. Den ganzen Vormittag habe ich ein komisches Gefühl im Körper, ohne Schmerzen in einem bestimmten Körperteil. Es wird Mittag, mein Zustand bleibt unverändert, ich verweigere das Mittagessen und versuche, auf der Couch etwas zu schlafen, während in den Nachrichten an die 30 Grad vermeldet werden.

Gegen ein Uhr Mittag klopft Nachbars Sohn an die Türe und fragt, ob ich Fußball spielen kommen will. Ich lasse mich überreden und gehe lustlos in den Hof. Genauso lustlos ist auch mein Spiel. Es ist einfach zu heiß.

Auch nach dem Duschen wird es nicht besser. Ich steige aus der Dusche, trockne mich ab und fange im selben Moment wieder an zu schwitzen. Plötzlich ist mir furchtbar schlecht und ich renne auf das WC und übergebe mich heftig. Nun ist mir nicht mehr komisch und auch nicht mehr schlecht. Ich fühle mich sehr gut. Ungefähr fünf Minuten lang. Der Schweiß steigt mir wieder hoch und statt des komischen Gefühls bekomme ich Schmerzen im ganzen Brustbereich. Ich lege mich auf den Rücken und die Schmerzen vergehen. Aber nur kurz. Ich drehe mich auf die Seite und die Schmerzen vergehen. Aber nur kurz. Ich lege mich auf den Rücken, ich setze mich auf, ich lege mich auf die andere Seite. Immer das gleiche Spiel. Nach jedem Stellungswechsel sind die Schmerzen kurzfristig weg, um danach wieder heftig zurückzukommen.

Nun konzentriert sich der Schmerz plötzlich über dem Brustbein. Sind das nicht Symptome eines Herzinfarktes? Meine Frau eilt ins Vorzimmer, holt das Handy, ruft den Ärztenotdienst über 141, schildert meine Symptome und meint dann, dass gleich ein Notarzt kommen wird. Jetzt heißt es warten. Einige Gedanken schwirren durch meinen Kopf: Ist das wirklich ein Herzinfarkt? Sowas kann ja tödlich enden. Muss ich jetzt vielleicht sterben? Ich bin ja erst 47. Ich habe zwar keine Angst vor dem Sterben, aber jetzt will ich noch nicht. Vorsichtig blicke ich mich geistig ein wenig um, ob ich nicht irgendwo einen schwarzen Tunnel oder ein weißes Licht sehe. Negativ. Gut so! Ich beschließe, nicht zu sterben und auch keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden.

Ich höre ein Poltern im Stiegenhaus und die Stimme meiner Tochter. Sie ist mit dem Notarzt und dem dazugehörigen Sanitäter zurück. Es ist 15:07. Eine rekordverdächtige Zeit zwischen Anruf und Ankunft. Der Notarzt schließt mich an ein mobiles EKG-Gerät an, blickt kurz darauf und diagnostiziert: Herzinfarkt. Also doch. Soll ich nochmals über das Sterben nachdenken? Sicher nicht. Ich habe andere Sorgen. Meine Frau Edith sitzt neben mir auf dem Bett und sieht fürchterlich aus. Die Augen feucht und rot, das Gesicht aschfahl. Ich weise den Arzt auf den gar nicht guten Zustand meiner Frau hin. Der meint, dass ich jetzt Priorität habe und er sich anschließend um meine Frau kümmert. Nur kurze Zeit später stehen auch schon die Männer vom Roten Kreuz inklusive einer Trage im Schlafzimmer. Der Arzt fragt meine Frau, ob sie medizinische Unterlagen über mich hat. Da diese im Wohnzimmer sind, geht Edith kurz hinaus. Als sie zurückkommen will, darf sie nicht mehr ins Zimmer ...

Was ist passiert? Ich kenne mich überhaupt nicht mehr aus. Warum liege ich jetzt neben dem Kasten am Teppichboden des Schlafzimmers? Ein Sanitäter fragt nach meinem Namen. Ich nenne ihn, dazu gleich die Adresse und meine Telefonnummer, damit er nicht nochmal nachfragen muss. Er sagt: „Wissen Sie, was jetzt mit Ihnen passiert ist? Sie hatten einen Herzstillstand und wir haben Sie einmal defibrilliert‘. Also doch fast gestorben. Ich kann mich an nichts erinnern. Kein Tunnel, kein Licht, kein Lebensfilm, der vor meinem geistigen Auge abgelaufen ist. Aber warum sollte das auch passieren. Ich hatte ja vorhin beschlossen, nicht zu sterben. Der Krankenwagen bringt mich in rasender Fahrt ins AKH, wo ich schon erwartet und gleich operiert werde.

Nach elf Tagen darf ich nach Hause, wo ich eine Woche auf einen dreiwöchigen Reha-Platz warten muss. 14 Monate später laufe ich meinen ersten Halbmarathon, 22 Monate danach meinen ersten Marathon.

Gottfried Koch

Wien, Innere Stadt, Montag, 23. Januar 2006, ca. 9:15 Uhr: „Dieses Jahr hake ich ihn ab.“ Dessen war ich mir ganz sicher! Wie so oft in den letzten Wochen und Monaten war ich zum Training unterwegs. Den Engdiner Ski-Marathon wollte ich knacken. Seit 1977 war dies eines meiner großen sportlichen Ziele. Während meiner Zeit als Doktorand an der Uni St. Gallen hatte ich Freunde, welche jährlich an diesem ganz speziellen Schweizer Ereignis teilnahmen. Ich wollte dort auch teilnehmen. Doch es dauerte 28 Jahre, um einen erneuten ernsthaften Anlauf zu nehmen. Immer kam etwas dazwischen. Dieses Mal wird es!

Der erste Teil des Trainings begann mit Kraft- und Dehnübungen. Marina, eine russische Ballerina, leitete mich dabei an. Am Ende, während einer Dehnübung, nahm sie nach dem Rechten auch meinen linken Arm, um etwas zu dehnen und danach zu lockern. „Komisch, dass das bei Ihnen so schwer geht. Normalerweise haben das nur Menschen, welche etwas am Herzen haben.“ „Tja, dort ist bei mir alles okay.“ Nach diesen Übungen ging es noch etwas auf das Laufband. Meinem Nachbar-Läufer sagte ich noch: „Na, mir tut aber heute mein linker Arm ziemlich weh und so ziehen tut es auch.“ Filmriss!

Wien, AKH, Notfallstation, Montag, 23. Januar 2006, ca. 15:00 Uhr: „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wiedergeburt. Sie können in Zukunft zwei Mal Geburtstag feiern.“ „Danke“ sage ich. „Aber ich möchte wieder dorthin zurück, wo ich war.“ Mir war sofort alles klar und bewusst, was da abgelaufen sein musste. Gleichwohl konnte ich die Aufregung um mich herum nicht teilen. Mir ging es gut, eigentlich sehr gut. Und im Grunde genommen wollte ich jetzt wieder gehen. Vielleicht noch etwas ausruhen. Aber das war es dann auch. Hier wollte ich nicht bleiben.

Wo war ich gewesen? Ich war in einer Oase des Friedens, der Geborgenheit gewesen. Ich hatte die Ruhe der Seele erfahren. Es ist nicht möglich, dieses Gefühl zu beschreiben. Das so Erfahrene entzieht sich unserer Ratio. Im Bewusstsein des Herzens trägt es derjenige mit sich, welcher an einem derartigen Ort war. Ganz so wie Mystiker das Glück einer inneren Gotteserfahrung haben durften. Der Sprachphilosoph Wittgenstein hat einmal gesagt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“. Dieser damals betretene Ort muss außerhalb unserer Alltagswelt gewesen sein. Er ist daher auch mit unserer Alltagssprache nicht zu beschreiben. Aber er war und ist!

Wien, AKH, Kardiologie, Montag, 23. Januar 2006, 18:00 Uhr, Besuch von Marina: „Puh, Gott sei Dank! Gottfried, was machen Sie? Ich bin fix und fertig!“ Und dann schluchzte sie, so dass sie kaum zu verstehen war: „Ein Glück, dass Robert da war.“ „Wer ist Robert?“ „Auch Fitness-Trainer und studierter Tierarzt. Er hat sofort gerufen: „Defi“ und ich bin um Ihr Leben gerannt. Robert hat Massage gemacht und dann, als ich mit dem Teil da war, den Defi benutzt. Ich bin für Sie die Hundert Meter in 10.0s gelaufen. Die Zeit, bis der Notarzt da war, kam mir wie eine Ewigkeit vor. Die mussten Sie nochmals mit dem Defi wiederbeleben. Lange haben die dann mit dem Rettungswagen vor dem Club gestanden, bis Sie transportfähig waren. Dort drinnen im Rettungswagen wurden Sie nochmals reanimiert.“

Juni 2013: Am „Engadiner“ habe ich 2006 nicht teilgenommen. Aber danach habe ich ihn sechs Mal absolviert. Bei vielen anderen Wettbewerben war ich ebenfalls mit von der Partie und viel Unglaubliches habe ich noch erleben dürfen. In der Oase, in welcher meine Seele Ruhe fand, war ich hingegen nie wieder. Ich freue mich auf sie. Aber diese Oase läuft mir nicht davon. Dort rechnet man in ewigen Dimensionen. Es hat also noch Zeit. Es gibt vorher noch Vieles abzuhaken!

Renate U. Kitzman Nomen est omen: Bei meiner Geburt erhielt ich den Namen Renate, also „die Wiedergeborene“. Nach meinen wilden Zwanzigern gründete ich eine Familie und wanderte für einige Jahre nach Amerika aus. Wieder zurück im schönen Wien, nach dem Scheitern meiner Ehe, begann ich gleichzeitig mit dem Schulbeginn meiner Tochter Dana eine Ausbildung zur Diplomsozialarbeiterin. Ich stürzte mich ins Berufs- leben und machte Karriere: Leiterin einer Einrichtung in der Wohnungslosenhilfe, Studentin des Masters für Sozialmanagement und Obfrau eines österreichweit tätigen Vereins – das waren die Herausforderungen, denen ich mich gleichzeitig stellte. Mein Körper (mittlerweile bereits über 50 Jahre alt) spielte allerdings nicht mit. „Lungenembolie, Herzstillstand, 50 Minuten Reanimation, fünf Tage Koma, akutes Nierenversagen“ – so steht es in meinem Entlassungsbericht. 30 Tagen Aufenthalt im AKH folgten vier Wochen Rehabilitation und drei Monate Krankenstand. Heute lebe ich intensiver und wohl auch egoistischer. Der Tod hat für mich seinen Schrecken verloren, dieses Gefühl ist wie eingeschlafen. Am 30. Dezember feiere ich meinen „zweiten Geburtstag“ – heuer werde ich fünf Jahre alt. Peter Lillie Ich habe keine eigene Erinnerung an meinen Herzstillstand, der sich 1995 während eines Squashspiels ereignete. Ich wurde von einem couragierten Studenten wiederbelebt, der zufällig im Club war. Danach wurde ich mit einem Hubschrauber ins Wiener Allgemeine Krankenhaus gebracht. Fünf Tage später erwachte ich aus dem künstlichen Tiefschlaf. Ich war völlig desorientiert. Als ich schließlich begriffen hatte, was eigentlich passiert war, begann ich mich zu vergewissern, dass mir besonders wichtige Funktionen, wie meine Sprech- und Lesefähigkeiten, nicht beeinträchtigt waren. Die Ärzte konnten bestätigen, dass der Herzstillstand keine neurologischen Schäden hinterlassen hatte. Um mich vor ähnlichen Ereignissen in Zukunft zu schützen, implantierte man mir einen Defibrillator. Mein prägendstes Erlebnis während meines Spitalsaufenthaltes war das vom Stellvertretenden Leiter der Notaufnahme Prof. Sterz angeregte Treffen mit meinem Lebensretter. Bis zum heutigen Tag habe ich Thomas Lorenz 18 Jahre meines Lebens zu verdanken.

Gerald Heitmann
Margit Bosina-Steiner

Gerald Heitmann

So erinnert sich Gerald Heitmanns Frau an den plötzlichen Herztod ihres Mannes: Es war der 31. Dezember 2009. Wir saßen bei unserem Freund Ronny und tranken Kaffee, als mein Mann mitten im Gespräch auf mich kippte. Zuerst dachten wir, er mache wieder einmal einen seiner Scherze. Als ich jedoch erkannte, wie ernst die Lage war, ohrfeigte ich ihn in der Hoffnung, er würde aufwachen. Gleich- zeitig schrie ich unseren Freund an, er solle die Rettung rufen. Ich hatte große Mühe, meinen Mann fest- zuhalten, da er sonst unter den riesigen Tisch, an dem wir saßen, gerutscht wäre. Ich versuchte, seinen Puls zu messen, hielt ihn fest und half Ronny, den Tisch wegzuschieben. Außerdem kommunizierte ich währenddessen am Telefon mit der Rettungsleitstelle. Wir legten Gerry auf den Boden. Irgendwie geschah alles wie in Trance....

Da ich keinen Puls fühlen konnte, sah ich kurz in den Mund meines Mannes und begann mit der Herzmassage. Kurze Zeit später trafen auch schon der Notarzt Dr. Johann Cserko und das Rettungsteam ein. Ich weiß danach nur noch, wie der Monitor eine Nulllinie anzeigte und ich dachte: „Nein, Hase, lass mich nicht allein.“ Doch nach einigen Schocks mit dem Defi hatte mein Mann wieder Puls. Daraufhin wurde er mit dem Hubschrauber ins Allgemeine Krankenhaus geflogen. Nach sechs Wochen in künstlichem Tiefschlaf öffnete er endlich die Augen und sagte „Hasi“. Das war der schönste Moment meines Lebens.

Margit Bosina-Steiner

Es war am 18. Oktober 2008 zu Mittag. Ich machte eine Mittagspause, lag im Schlafzimmer am Bett und entspannte. Unsere zwei jüngeren Kinder spielten nebenan im Kinderzimmer, der Ältere war im Wohnzimmer, mein Mann Helmut im Badezimmer. Plötzlich wurde mir so eigenartig schlecht. Eine Leere im Kopf und im ganzen Brustkorb erfasste mich, als würde ich gleich bewusstlos werden. Ich wollte nicht mehr liegen, weil mich große Angst überkam. Deshalb setzt ich mich am Bettrand auf und rief wirklich verzweifelt: „Helmut, mir ist so komisch, mir ist so schlecht...“

Ab dann weiß ich gar nichts mehr. Helmut erzählte mir später: „Du hast mir die Hand entgegengestreckt, im Gesicht Todesangst. Dann bist du zusammengesackt. Ich habe dich auf den Boden gelegt, das Telefon geholt, beim Nachbarn angeläutet – er war nicht zuhause – und 144 gewählt und mit der Reanimation begonnen. Als der Notarzt kam, konnte er nach dem dritten Mal Schocken und der Gabe von Medikamenten wieder einen stabilen Herzrhythmus herstellen.“

Als ich auf der Intensivstation aufwachte, konnte ich zuerst nur verschwommen sehen. Mit den Augen suchte ich meine Umgebung ab und sah dann meinen Mann. Ich konnte aber nicht reden. Deshalb versuchte ich, ganz vorsichtig einen Finger meiner rechten Hand zu bewegen – testen, ob das noch funktioniert. Dann die anderen Finger, ganz langsam auf und ab. Ich hatte Angst – bis mein Mann die Bewegung entdeckte, unsere Finger sich berührten und er mich streichelte ...

Andreas Obczovsky
Caroline Musilek

Andreas Obczovsky

Es war im November 2004, ich war aufgrund langjähriger Probleme mit der Bauchspeicheldrüse für eine Biopsie vorgemerkt und bereits stationär im Krankenhaus aufgenommen. Am 28. November hatte ich Ausgang – der jedoch nicht lange dauerte: gegen sieben Uhr abends wurde ich mit der Rettung wieder eingeliefert, da ich über Schmerzen in der Brust klagte. Das EKG zeigte ST-Hebungen, also Infarktzeichen. In weiterer Folge kam es zu Kammerflimmern. Ich wurde reanimiert und defibrilliert.

Als sich mein Kreislaufstillstand ereignete, saß ich aufrecht im Bett, während der Stationsarzt und der Oberarzt dabei waren, mir einen Venenzugang zu legen. Dann bin ich einfach tot umgefallen. Das nächste, an das ich mich erinnere, ist ein Gespräch mit einem Arzt. Er fragte mich, ob ich wüsste, wo ich sei. „Im AKH, und davor war ich Bowling spielen.“ Weitere Gedanken und Gefühle kamen mir nicht in den Sinn.

Caroline Musilek

Mein Herzstillstand ereignete sich am 7. Juni 2009, während des Österreichischen Frauenlaufs im Prater. Ich war 24 Jahre alt und bis dahin völlig gesund. An diesen Tag kann ich mich nur bruch- stückhaft erinnern, ab der Startlinie weiß ich selbst gar nichts mehr. Ich kann nicht sagen, wie es mir während des Laufs ging, allerdings bin ich kurz vor der Ziellinie bewusstlos zusammengebrochen. Die Sanitäter waren sofort zur Stelle. Meine Freundin war kurz hinter mir, hat mich auch noch gesehen und über mein Handy gleich meine Familie informiert. Ziemlich schnell hat sich abgezeichnet, dass ich nicht einfach nur „umgefallen“ war, sondern die Lage weitaus kritischer war. Es wurde sofort mit der Reanimation gestartet.

Im AKH wurde ich in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Drei bis vier Tage später wachte ich auf und wusste überhaupt nicht, was passiert war. Tatsächlich verstanden, was mir da eigentlich geschehen ist, habe ich überhaupt erst viel später. Exakt einen Monat nach dem Vorfall durfte ich wieder nach Hause, mit einem implantierten Defibrillator, der seitdem auf mich aufpasst.

Geboren bin ich 1984 in Wien, als Nachzüglerin und somit jüngste von drei Geschwistern. Im Moment arbeite ich auf das baldige Ende meines Jus-Studiums hin. Ab September werde ich glücklich verheiratet sein.

Karina Loy-Fak
Margarete Lakmayer

Karina Loy-Fak

Es war am 19. März 2006, einem Sonntag, als mein Leben eine drastische Wendung nehmen sollte. Ich lag schon ein paar Tage mit meinem Mann im Bett, uns plagte eine heftige Grippe. Außerdem schmerzten mich schon seit einiger Zeit meine Brust und meine linke Hand. Ich dachte, dass das Verspannungen vom vielen Liegen seien. Ich war erschöpft und mir war speiübel. Wir überlegten, in ein Krankenhaus zu fahren, aber ich erklärte meinem Mann, dass es nicht so schlimm wäre. Es war circa fünf Uhr nachmittags, als es passierte – von einer Sekunde auf die Andere. Ich dachte noch: „Jetzt kotz’ ich mich endgültig an ...“ Es folgte ein Schweißausbruch und ein stechender Schmerz in der Brust, so als würde jemand mit einem Messer in mein Herz bohren. Meine Zunge schwoll zu einem dicken, pelzigen, schwammartigen Etwas an. Ich setzte mich auf, röchelte und schnappte wie ein Fisch am Trockenen nach Luft. Mein Mann kam sofort, um nach mir zu sehen. Er sah ein letztes Aufbäumen, hörte ein Krächzen, und dann fiel ich um – und war tot!

Von diesem Moment an hatte ich sehr viel Glück und einige Schutzengel an meiner Seite. Mein Mann war sofort zur Stelle. Er legte mich auf die Wohnzimmerbank und kontrollierte meinen Puls. Doch er konnte ihn nicht fühlen. Kein Atemgeräusch war zu vernehmen, mein bewusstloser Zustand und meine blasse Gesichtsfarbe ließen ihn Schlimmes erahnen. Er begann mit den ersten Wiederbelebungsversuchen – vergeblich. Dann rief er die Rettung an und teilte am Telefon mit, dass ich scheinbar einen Herzanfall gehabt hätte und sie sich beeilen mögen. Im Anschluss brachte er rasch meinen Hund zu meiner Nachbarin. Er war wie gelähmt, als sie ihm die Tür öffnete. Geschockt stotterte er: „Die Karina ist weg...“ Sie verstand nicht: „Ja, und? Wo ist sie denn hingegangen?“ „Ich glaube, sie ist tot.“

Meine Nachbarin ist eine sehr liebenswerte Person und immer da, wenn man sie braucht. Sie stürmte mit meinem Mann zurück zu mir, legte sich mit ihrem ganzen gewaltigen Umfang auf mich und blies Luft in meine Lungen, so stark sie nur konnte. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bevor Hilfe kam. Endlich traf das Rettungsteam mit Defibrillator ein. Sie gaben ihr Bestes. Zwischendurch ein kurzes Kammerflimmern, dann wieder die Nulllinie. Mein Zustand änderte sich nicht. Auch das Einsatzteam der Rettung war sich einig, dass da wohl nichts mehr zu machen wäre.

Aber mein Mann gab nicht auf. Er konnte gar nicht anders. Mit flehendem Gesichtsausdruck blickte er einen der Notärzte an. Es war eine schlimme Sache, nicht zuletzt des Alters wegen. Ich war erst 33 Jahre alt. Also versuchte mein „Rettungs-Engel“ weiter sein Glück. Und tatsächlich – er schaffte es und holte mich wieder zurück. Während dieser ganzen Zeit hatte ich einen sehr eigenartigen Traum – real, mit bitterem Beigeschmack – der mir ewig lang erschien.

Es folgten 24 Tage im Wachkoma im Wiener AKH und drei Rehabilitationsaufenthalte. Heute bin ich seit einem Jahr Mama. Ich denke, Gott muss wohl auch seine Hände im Spiel gehabt haben.

Margarete Lakmayer

Am 8. Mai 2004 gegen 11:30 vormittags wurde ich von meinem Ehemann in leblosem Zustand auf dem Küchenboden liegend vorgefunden. Als neun Minuten später der Notarzt eintraf, konnte mein Mann keine genauen Angaben machen, wie lange ich dort schon gelegen hatte. Der Hartnäckigkeit des Notarztes Dr. Posch vom Krankenhaus Mödling ist es zu verdanken, dass meine Herztätigkeit wieder einsetzte.

Zwölf Tage lang lag ich in künstlichem Tiefschlaf. Die Ärzte konnten eine Hirnschädigung nicht ausschließen. Am 13. Tag wurde ich extubiert. Mühsam aber doch konnte ich ohne Hilfe eines Beatmungsgerätes selbständig atmen. Es folgte ein dreiwöchiger Aufenthalt in einem anderen Krankenhaus, danach fünf Wochen Rehabilitation, nur unterbrochen von sieben Tagen im Krankenhaus zur Durchführung der dringend notwendigen Herzoperation.

Nach der Aufwachphase im AKH litt ich an einem sogenannten „Durchgangssyndrom“ mit Phantasien und Gedächtnislücken. Dieser Zustand hielt etwa sieben bis zehn Tage an. An den Vorfall selbst kann ich mich nicht erinnern, mein Wissen darüber verdanke ich ausschließlich den Schilderungen meines Mannes. Außer körperlicher Beeinträchtigung durch Kurzatmigkeit und bisweilen ziehender Schmerzen am operierten Brustbein fühle ich mich aber geistig vollkommen wiederhergestellt.

Margarete Lakmayer am Tisch sitzend